top of page

Made in Abyss: Der Wert des Leidens und die Illusion des Tausches

  • 26. Jan.
  • 2 Min. Lesezeit

Die zweite Staffel von Made in Abyss wirkt auf den ersten Blick wie eine düstere Fantasiegeschichte. Bei näherem Hinsehen entfaltet sich jedoch ein tiefes spirituelles Gleichnis über Wert, Opfer, Schuld und die Frage, was ein Wesen im Innersten ausmacht. Besonders die Darstellung des Dorfes, in dem alles über Werttausch geregelt ist, berührt eine zentrale spirituelle Problematik unserer Zeit: die Verwechslung von innerem Sein mit äußerer Berechnung.


Im Dorf existiert nichts um seiner selbst willen. Alles hat einen messbaren Wert, der sich aus Verlust, Schmerz oder Hingabe ergibt. Was gegeben wird, wird umgeformt, angepasst, eingepasst in ein System, das vorgibt, Ordnung und Schutz zu bieten. Doch diese Ordnung hat einen Preis: Der Wert eines Wesens wird nicht mehr aus seinem inneren Ursprung erkannt, sondern ausschließlich durch äußere Anerkennung bestimmt. Damit verliert das Individuum seine innere Freiheit.


Aus chassidisch-kabbalistischer Sicht ist dies eine fundamentale Verzerrung. In der jüdischen Mystik ist der Wert eines Menschen nicht verhandelbar. Jeder Mensch trägt einen göttlichen Funken in sich, der unabhängig von Leistung, Opfer oder Nutzen existiert. Wert entsteht nicht durch Tausch, sondern durch Bewusstsein. Dort, wo Wert berechnet wird, beginnt die Entfremdung vom Ursprung. Das Dorf in Made in Abyss zeigt eine Welt, in der dieser Ursprung vergessen wurde. Es ist ein geschlossenes System, das Lebenskraft bindet, anstatt sie zu erlösen.


Die Figur Irumyuui verkörpert dabei ein zentrales Motiv der Kabbala: die gebundene göttliche Gegenwart. Sie gibt Leben, ohne frei zu sein. Ihr Leiden wird zur Grundlage der Ordnung, von der alle profitieren. In der Mystik ist dies das Bild einer Welt, in der das Geben nicht aus Liebe, sondern aus Zwang geschieht. Ein solches Geben heilt nicht, es konserviert den Bruch.


Auch aus einer jesuitisch geprägten Denktradition lässt sich diese Dynamik klar benennen. Opfer hat nur dann geistlichen Wert, wenn es aus freiem Willen geschieht. Wo Leid funktionalisiert wird, verliert es seine transformierende Kraft. Das Dorf rechtfertigt Schmerz, weil er Nutzen bringt. Erlösung wird nicht mehr als innerer Prozess verstanden, sondern als Ergebnis eines Systems. Damit entsteht eine Theologie ohne Gnade, in der Sinn nicht erkannt, sondern behauptet wird.


Beide Perspektiven, die kabbalistische wie die jesuitische, treffen sich in einem entscheidenden Punkt: Wahrer Wert ist nicht das Ergebnis eines Tausches. Er ist eine Tatsache des Seins. Systeme, die Opfer verlangen, um Zugehörigkeit zu gewähren, sind keine Orte der Heilung, sondern der Kontrolle. Sie simulieren Sinn, ohne ihn zu ermöglichen.


Made in Abyss hält uns damit einen Spiegel vor. Nicht nur spirituelle Gemeinschaften, sondern auch moderne Gesellschaften neigen dazu, Wert an Leistung, Leidensfähigkeit oder Anpassung zu knüpfen. Wer viel trägt, gilt als wertvoll. Wer nicht funktioniert, verliert seinen Platz. Die Serie zeigt, wohin diese Logik führt, wenn sie konsequent zu Ende gedacht wird.


Die eigentliche Befreiung geschieht dort, wo der Tausch endet. Wo nicht mehr gefragt wird, was etwas bringt, sondern was es ist. In der Mystik beginnt Erlösung nicht durch Opfer, sondern durch Erkenntnis. Dort, wo der innere Wert wieder gesehen wird, verliert das System seine Macht.


Made in Abyss erzählt keine Geschichte über Grausamkeit um ihrer selbst willen. Es erzählt von der Gefahr, Wert mit Schuld zu verwechseln. Und es erinnert daran, dass kein Leiden heilig wird, nur weil es in eine Ordnung eingebettet ist. Wahrheit entsteht nicht durch Berechnung, sondern durch Erinnerung an den Ursprung.

 
 
bottom of page