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Gefallene Engel, Henoch und die Veden

  • 6. Jan.
  • 3 Min. Lesezeit

Einleitung


Die Frage nach gefallenen Engeln bildet einen faszinierenden Schnittpunkt zwischen Religionsgeschichte, Mystik und vergleichender Theologie. Besonders das Buch Henoch, ein jüdisch apokrypher Text aus der Zeit des Zweiten Tempels, hat in der modernen Forschung wie auch in spirituellen Diskursen erneute Aufmerksamkeit erlangt. Sein Bericht über himmlische Wesen, die ihre vorgegebene Ordnung verlassen, wirft die grundlegende Frage auf, ob vergleichbare Vorstellungen in den vedischen Texten oder im Hinduismus existieren. Eine präzise Analyse zeigt, dass trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten grundlegend unterschiedliche metaphysische Strukturen vorliegen. Die Einbeziehung kabbalistisch chassidischer Begriffe erlaubt es, diese Differenzen sowohl akademisch klar als auch mystisch vertieft herauszuarbeiten.


Das Buch Henoch und der Mythos der gefallenen Wächter


Das Buch Henoch beschreibt die sogenannten Wächter als Engelwesen, die aus den höheren Sphären zur Erde herabsteigen, sich mit menschlichen Frauen verbinden und den Menschen verborgenes Wissen vermitteln. Dieser Abstieg wird nicht als neutraler Vorgang verstanden, sondern als fundamentale Verletzung der göttlichen Ordnung. In der Sprache der jüdischen Mystik ließe sich dieser Prozess als radikale Trennung vom Ein Sof deuten, von der unendlichen göttlichen Wirklichkeit, aus der alle Existenz hervorgeht. Die Wächter handeln autonom und überschreiten bewusst ihre ihnen gesetzte Grenze. Ihr Fall ist kein Entwicklungsstadium, sondern ein metaphysischer Bruch, der göttliches Gericht nach sich zieht.


Veden und Hinduismus: Ein zyklisches Kosmosverständnis


Die vedischen Texte und der spätere Hinduismus kennen kein vergleichbares Konzept eines einmaligen kosmischen Sündenfalls. Es existiert weder eine Klasse von Engeln im abrahamitischen Sinn noch eine Vorstellung von Rebellion gegen einen personal gedachten Schöpfergott. Stattdessen begegnet man einem vielschichtigen Pantheon von Devas, Asuras, Rishis und anderen übermenschlichen Wesen, deren Handeln in einen zyklischen Kosmos eingebettet ist. Machtverlust oder Abstieg bedeuten hier keine endgültige Verdammung, sondern markieren Verschiebungen innerhalb des kosmischen Gleichgewichts. Aus kabbalistischer Perspektive könnte man sagen, dass selbst Zustände der Verfinsterung weiterhin vom göttlichen Licht durchdrungen sind, wenn auch verhüllt durch Klipot.


Unterschiedliche Gottesbilder: Ein Sof und Brahman


Ein entscheidender Unterschied liegt im jeweiligen Gottesverständnis. Der Henoch Mythos setzt einen transzendenten, personalen Gott voraus, dessen Wille verletzt werden kann. Der Hinduismus hingegen zielt metaphysisch auf Brahman, das absolute, nicht duale Prinzip jenseits von Gebot und Übertretung. In der chassidischen Kabbala findet sich eine vergleichbare Denkfigur im Begriff des Ein Sof. Da nichts außerhalb dieser Unendlichkeit existiert, kann es letztlich keinen ontologischen Abfall vom Göttlichen geben. Selbst scheinbare Trennung ist nur eine Wahrnehmung auf niedriger Bewusstseinsebene.


Shevirat haKelim und Tikkun: Abstieg als verborgener Sinn


Besonders erhellend ist in diesem Zusammenhang das kabbalistische Konzept der Shevirat haKelim, des Zerbrechens der Gefäße. Dieser Mythos beschreibt eine ursprüngliche kosmische Krise, bei der die Gefäße für das göttliche Licht zerbrachen und Funken in die niederen Welten fielen. Oberflächlich erinnert dieses Motiv an den Fall der Engel, doch seine Bedeutung ist grundlegend anders. Der Abstieg der Lichtfunken dient nicht der Strafe, sondern bildet die Voraussetzung für Tikkun, für die aktive Mitwirkung des Menschen an der Wiederherstellung der Schöpfung.


Das Böse als Verhüllung: Chassidische Perspektiven


Chassidische Denker betonen, dass das Böse keinen eigenständigen metaphysischen Status besitzt. Es ist vielmehr eine Verhüllung des Guten, vergleichbar mit dem Yetzer Hara, dem inneren Trieb, der den Menschen herausfordert und zugleich zur geistigen Reifung antreibt. Überträgt man dieses Verständnis auf die Frage gefallener Engel, wird deutlich, dass weder die Kabbala noch der Hinduismus einen endgültigen Ausschluss aus der göttlichen Ordnung kennen. Jeder Abstieg ist potenziell Teil eines verborgenen Aufstiegs.


Moderne Vergleiche und ihre Grenzen


Die häufig gezogenen Parallelen zwischen dem Buch Henoch und indischen Mythen entspringen weniger einer historischen Verwandtschaft als einer modernen Projektion. Motive wie himmlische Wesen, Wissensvermittlung und kosmische Spannung sind universell, doch ihre theologische Bedeutung unterscheidet sich radikal. Während Henoch einen dramatischen Bruch zwischen Himmel und Erde beschreibt, betonen sowohl der Hinduismus als auch die chassidische Mystik die ontologische Einheit allen Seins.



Schlussbetrachtung


Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Vorstellung gefallener Engel ein spezifisches Produkt des jüdisch christlichen Denkrahmens ist. Die vedische und hinduistische Tradition denken kosmische Ordnung nicht in Kategorien von Rebellion und endgültiger Verurteilung, sondern als dynamischen Prozess zyklischer Transformation. In der Sprache der Kabbala ausgedrückt bedeutet dies, dass kein Wesen je vollständig aus dem Licht des Ein Sof herausfallen kann. Selbst dort, wo Dunkelheit erfahren wird, ist bereits die Möglichkeit des Tikkun angelegt.

 
 
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