Die zwölf Brustschildsteine und der neun Steine Navaratna Ring
- 7. Nov. 2025
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Eine Betrachtung über alte Symbolsysteme, Synkretismus und holistische Weltsicht
In den spirituellen und religiösen Traditionen vieler Kulturen spielen Edelsteine seit Jahrtausenden eine besondere Rolle. Sie gelten als Träger von Licht, Energie und Bedeutung. Zwei Systeme stechen dabei hervor: die zwölf Brustschildsteine des jüdischen Hohenpriesters und der Navaratna-Ring der hinduistisch-vedischen Astrologie.
Beide Systeme zeigen, wie unterschiedliche Kulturen auf ihre Weise versucht haben, den Menschen mit dem Kosmos in Beziehung zu setzen – durch Farbe, Materie und Ordnung.
Der Brustschild des Hohenpriesters
Im biblischen Israel trug der Hohepriester ein Brustschild, den sogenannten „Choschen Mischpat“. Er war mit zwölf Edelsteinen besetzt, von denen jeder einem der zwölf Stämme Israels zugeordnet war. Diese Steine symbolisierten nicht nur die Vielfalt des Volkes, sondern auch die göttliche Ordnung im Kosmos.
In der jüdischen Mystik, der Kabbala, werden diese Steine mit den zwölf Monaten, den Tierkreiszeichen und den sogenannten Sefirot – göttlichen Eigenschaften oder Emanationen – verbunden. Jeder Stein steht damit für eine bestimmte spirituelle Qualität. Das Brustschild wurde so zu einem Sinnbild der Ganzheit: Alle Kräfte des Lebens, alle Farben und Formen, sind Teil eines harmonischen Ganzen.
Der Navaratna-Ring der vedischen Tradition
In der vedischen Astrologie Indiens begegnet uns ein ähnliches Konzept. Der Navaratna-Ring besteht aus neun Edelsteinen, die jeweils einem Planeten oder Himmelskörper zugeordnet sind. Der Ring wird getragen, um die planetarischen Einflüsse auszugleichen und den Träger mit der kosmischen Ordnung in Einklang zu bringen.
Wie im jüdischen System sind auch hier Licht, Farbe und Materie Träger geistiger Energie. Die Steine stehen in Beziehung zu Sonne, Mond, Mars, Merkur, Jupiter, Venus, Saturn sowie den beiden Mondknoten Rahu und Ketu. Jeder Stein soll eine bestimmte Frequenz oder Schwingung im Menschen aktivieren oder harmonisieren.
Synkretismus – Verbindungen zwischen den Systemen
Vergleicht man die beiden Systeme, fällt auf, dass sie trotz geografischer und kultureller Unterschiede ähnliche Grundideen teilen. Sowohl im jüdisch-kabbalistischen als auch im vedisch-astrologischen Denken wird der Mensch als Mikrokosmos gesehen, der mit dem großen Ganzen in Resonanz steht.
Beide Systeme beruhen auf der Vorstellung, dass das Universum durch Licht, Klang und Zahl strukturiert ist – und dass Edelsteine dieses Prinzip materiell widerspiegeln. In beiden Fällen werden sie nicht als Schmuck verstanden, sondern als Werkzeuge spiritueller Ordnung.
Dieser Zusammenhang lässt sich als Synkretismus beschreiben – allerdings nicht im Sinne einer Vermischung, sondern einer Entsprechung: unterschiedliche Kulturen, die aus eigener Erfahrung heraus zu ähnlichen Einsichten gelangen.
Holistische Weltsicht
Sowohl die jüdische Mystik als auch die vedische Philosophie betrachten den Menschen als Teil einer größeren Ordnung. Der Körper, die Seele und der Kosmos bilden eine Einheit. Alles steht in Beziehung, und jede Handlung, jeder Gedanke, erzeugt eine Resonanz im Ganzen.
Die Edelsteine sind Ausdruck dieser Verbundenheit. Sie symbolisieren das Streben nach innerem Gleichgewicht und nach Harmonie zwischen Mensch, Natur und geistiger Wirklichkeit.
In der Kabbala spricht man von „Tikun haNefesch“, der Heilung oder Vervollkommnung der Seele. In der vedischen Lehre entspricht dies dem Prinzip der „Karma Shanti“, der Harmonisierung des Schicksals. Beide Konzepte verfolgen das Ziel, Disharmonien zu lösen und den Menschen in ein bewusstes Verhältnis zum Kosmos zu bringen.
Schlussgedanken
Der Brustschild des Hohenpriesters und der Navaratna-Ring sind Ausdruck derselben Grundidee: Der Mensch lebt nicht getrennt von der Welt, sondern als Teil einer umfassenden Ordnung.
Die Edelsteine beider Systeme stehen für Klarheit, Erkenntnis und das Streben nach innerer Harmonie. Sie erinnern daran, dass in allen Dingen – ob in Stein, Farbe oder Klang – dieselbe schöpferische Energie wirkt.
So gesehen sind die beiden Systeme Zeugnisse eines frühen holistischen Denkens: einer Sichtweise, die nicht trennt, sondern verbindet, und die das Spirituelle in der materiellen Welt wiedererkennt.






