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Advaita Maya Philosophie

  • 21. Jan.
  • 6 Min. Lesezeit

Haribol und Om Namah Shivaya


Über Masken, Wirklichkeit und die Kunst, Gott nicht zu vereinfachen


Was hat ein persönlicher Gott von einer leidvollen Welt? Diese Frage ist berechtigt. Sie ist alt. Und sie wird in nahezu jeder spirituellen Tradition gestellt. Doch so legitim sie ist – an diesem Punkt bringt sie uns selten wirklich weiter.


Interessanter wird es, wenn man einen Schritt zurücktritt und fragt, was wir eigentlich meinen, wenn wir von einer „Person“ sprechen. Das Wort selbst bedeutet ursprünglich Maske. Vielleicht ist das kein Zufall. Vielleicht ist es einfach das beste Wort, das der Westen gefunden hat, um etwas zu benennen, das sich jeder klaren Zuschreibung entzieht.


Wer sich mit Dwaita- und Advaita-Philosophie beschäftigt, merkt schnell: Die scheinbaren Gegensätze sind weniger trennscharf, als sie oft dargestellt werden. Und genau das macht sie so faszinierend.


Dualität als Denkform – nicht als Maßstab


Wir leben in einer dualen Welt. Unser Denken ist dual. Subjekt und Objekt, innen und außen, Gott und Mensch. Doch daraus direkt auf das Wesen Gottes zu schließen, ist naiv. Warum sollte das Absolute so einfach zu fassen sein, dass es sich unseren Denkgewohnheiten fügt?


Advaita sagt nicht, dass die Welt nicht existiert. Sie sagt, dass sie Maya ist – Erscheinung. Und interessanterweise sagt Dwaita letztlich nichts anderes.


Zoomt man tief genug in die Materie hinein, bleibt am Ende nichts Festes übrig. Keine Substanz. Nur Schwingung. Information. Das, was wir als Materie erfahren, ist eine Form von Wahrnehmung strukturierter Information.


Unsere Körper bestehen aus denselben Elementen. Erde bleibt Erde. „Meine“ Erde unterscheidet sich nicht von „deiner“, auch wenn die Form verschieden ist. Die Differenz liegt nicht im Stoff, sondern in der Information, die ihn ausformt.


Und wie wird Brahman beschrieben?


Sat – Chit – Ananda. Sein. Bewusstsein. Glückseligkeit.


Warum sollte es also problematisch sein, dass alles Brahman ist, wenn selbst unsere materiellen Körper letztlich aus derselben Grundlage bestehen?


Zeit, Raum und die Grenze des Denkens


Innerhalb der Schöpfung ist alles der Zeit unterworfen. Raum und Zeit sind untrennbar miteinander verbunden. Selbst die großen kosmischen Prinzipien – Brahma, Vishnu, Shiva – stehen in Beziehung zu ihr.


Wo ist deine Existenz vergangener Leben? Wo ist deine Existenz zukünftiger Leben?

Moderne Physik kommt an genau diesem Punkt ins Staunen. Raum und Zeit scheinen keine absoluten Größen zu sein. Manche Modelle sprechen davon, dass alles gleichzeitig geschieht – oder dass Raum und Zeit selbst Konstrukte sind.


Unser Denken stößt hier an seine Grenze. Es existiert innerhalb der Maya und kann sie nicht transzendieren. Das ist keine Schwäche – es ist seine Natur.


Die spirituelle Wirklichkeit liegt jenseits dieser Grenze. Nicht irgendwo anders, sondern hier und jetzt, nur nicht wahrnehmbar, solange Identifikation mit Körper und Ich-Struktur besteht.


Von Maya zu Yoga-Maya


In der spirituellen Welt spricht man nicht von Maya, sondern von Yoga-Maya – einer Erscheinung anderer Qualität. Auch dort gibt es Wesen, Formen, Welten. Selbst der Buddhismus spricht von unterschiedlichen spirituellen Ebenen, solange kein vollständiges Eingehen ins Nirvana geschieht.

Und dann wird es subtil:


Auch diese spirituelle Welt ist – in gewisser Weise – Erscheinung. Nicht Illusion im negativen Sinn, sondern Ausdrucksform von Brahman. Ewig, unvergänglich, jenseits der Zeit.


Die dort existierenden Wesen nennt man Atman. Ewig, ungebunden, fähig, in Brahman zu verschmelzen. Solange sie es nicht tun, identifizieren sie sich dennoch mit Brahman – weil es nichts anderes gibt.


Qualitativ gleich. Quantitativ verschieden.

Ein Funke ist Feuer. Und wenn er zurückkehrt, war er nie etwas anderes.

Das Feuer ist nicht nur die große Flamme – es ist Flamme und Funken.


Zwei Philosophien – eine Wirklichkeit


Schaut man genau hin, unterscheiden sich Dwaita und Advaita kaum.


  1. Die eine sagt: Gott und Seele unterscheiden sich – quantitativ.

  2. Die andere sagt: Atman und Brahman sind eins.


Doch schon der Satz „Atman und Brahman sind eins“ benutzt zwei Begriffe für etwas, das keine Zweiheit kennt. Der scheinbare Widerspruch entsteht nur im Denken.


Auch die Frage, ob Brahman die Energie des persönlichen Gottes ist oder ob der persönliche Gott aus Brahman hervorgeht, löst sich auf, wenn man erkennt: Beide sind ewig.

Der Unterschied liegt nicht in der Wahrheit, sondern im Fokus.


Warum Advaita – persönlich – der klarere Weg ist


Beide Wege haben ihre Berechtigung. Doch es gibt einen Punkt, der nicht ignoriert werden sollte: das Ego.


Das illusionäre Ich ist trickreich. Es möchte bestehen bleiben. Eine Philosophie, die Zweiheit betont, kann – subtil – dazu beitragen, dass sich das Ego auf höherer Ebene weiter identifiziert.

Advaita ist radikaler. Es lässt keinen Zweifel: Solange ein Ich-Gefühl besteht, ist man nicht im wahren Selbst.


Das bedeutet nicht, dass es dort keine Bhakti gibt. Der persönliche Gott existiert – aber als Maske Brahmans, als Ausdruck desselben Seins. Ihn zu verehren heißt letztlich, das eigene wahre Selbst zu erkennen.


Nicht außerhalb. Nicht gegenüber. Sondern innen.


Drei Aussagen, mehr braucht es nicht


Über Brahman gibt es nur drei letztlich tragfähige Aussagen:


  1. Neti, neti – nicht dies, nicht das

  2. Tat tvam asi – das bist du

  3. Sat-Chit-Ananda


Alles andere ist Annäherung. Perspektive. Hilfsmittel.

Wer die Funktionsweise von Maya betrachtet – Raum, Zeit, Wahrnehmung, Materie – kann eigentlich nur demütig werden. Wenn schon das Erkennbare so unfassbar ist, wie viel mehr das, was dahinterliegt?


Vielleicht ist genau dieses Staunen der eigentliche Anfang von Erkenntnis.


Seele, Struktur und der zündende Funke


Ein oft vorgebrachtes Argument gegen einen rein materialistischen Weltzugang lautet, dass die Wissenschaft zwar sehr genau beschreiben kann, woraus ein Lebewesen besteht, jedoch unfähig ist, Leben selbst hervorzubringen. Man kann die chemischen Bestandteile einer Fliege analysieren – Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, komplexe Molekülketten, aber keine Anordnung dieser Bestandteile erzeugt aus sich heraus lebendiges Bewusstsein. In der vedischen Tradition wird diese Grenze mit dem Begriff der Seele markiert: als jener zündende Funke, ohne den Materie zwar organisiert, aber nicht lebendig ist. Diese Argumentation findet sich unter anderem bei Bhaktivedanta Prabhupada, insbesondere in seinen Dialogen mit naturwissenschaftlich geprägten Denkern.

Doch genau hier stellt sich eine berechtigte Frage: Warum zwingend Seele?


Könnte es nicht ebenso gut die vollkommene Anordnung selbst sein – eine Art heilige Geometrie –, die Leben hervorbringt? Eine Struktur, die so präzise ist, dass sie Bewusstsein ermöglicht, ohne dass man ein zusätzliches Prinzip annehmen muss?


Diese Frage untergräbt die klassische Seele-Materie-Dualität nicht, sondern verschiebt sie. Denn auch eine vollkommene Struktur ist nicht „zufällig“. Sie setzt Ordnung voraus, Gesetzmäßigkeit, Information – und damit etwas, das über rohe Materie hinausweist.


Brahman, Maya und die Frage nach dem Ursprung der Dynamik


Damit berühren wir zwangsläufig eine tiefere Frage: Warum sollte sich Brahman überhaupt in einer materiellen Schöpfung ausdrücken?


Diese Frage ist identisch mit der Frage nach dem Ursprung von Maya. Maya erscheint dabei nicht als Gegenspieler Brahmans, sondern als dessen Spiegel. Nicht als eigenständige Realität, sondern als Theorie des Gegensatzes.


Ist Brahman reines Sein, dann entsteht mit diesem Sein zwangsläufig die Möglichkeit von Bewegung, Veränderung, Dynamik. Nicht, weil Brahman etwas fehlt, sondern weil reines Sein ohne Bezug keinen Ausdruck kennt. In diesem Sinne ist Maya nicht Täuschung im vulgären Sinn, sondern die Bedingung von Erscheinung.


Man könnte sagen: Das Statische gebiert die Idee des Dynamischen. Das Eine erzeugt den Begriff des Anderen.


Doch Gegensätze allein sind instabil. Sie verlangen nach Ausgleich, nach Synthese. Aus dieser Spannung entsteht etwas Drittes – nicht als Addition, sondern als Qualitätssprung.


Die dreifache Bewegung des Seins


So lässt sich ein dreistufiges Modell denken:


  1. Brahman – reines Sein

  2. Maya – Infragestellung, Bewegung, Tun

  3. Manifestation – das aus der Spannung Hervorgehende


Dieses Dritte ist weder bloß Brahman noch bloß Maya, sondern deren Beziehung. Und genau diese Beziehung setzt sich fort: Das Hervorgebrachte tritt erneut in Beziehung zum Ursprung (1) und zur Dynamik (2), wodurch wiederum neue Formen entstehen.


Ein fortlaufendes Spiel von Einheit, Spannung und Integration. Oder, weniger feierlich: be do be do be do.


Persönlichkeit, Vollkommenheit und der gnostische Blick


An diesem Punkt wird deutlich, warum es problematisch ist, Brahman vorschnell als „Wesen“ oder „Person“ zu denken. Persönlichkeit setzt Relation voraus. Sie setzt ein Gegenüber voraus. In einem Zustand absoluter Alleinheit wäre Persönlichkeit bedeutungslos.


Persönlichkeit ergibt sich nicht aus Vollkommenheit an sich, sondern aus der Beziehung von Vollkommenheit zu ihrem eigenen Ausdruck. In diesem Sinne ist Unvollkommenheit kein Fehler, sondern eine notwendige Bedingung von Erfahrung.


Die gnostische Unterscheidung zwischen Gott und Demiurg lässt sich hier als symbolischer Ausdruck dieses Prinzips lesen: nicht als zwei getrennte Mächte, sondern als unterschiedliche Ebenen der Wirklichkeit – Ursprung und Ausdruck, Einheit und Form.


Ein mathematischer Gedanke – ohne Mathematik


Dass dieses Modell mathematisch wirkt, ist kein Zufall. Mathematik ist letztlich nichts anderes als die Sprache von Beziehung, Proportion und Ordnung. Auch wer kein Mathematiker ist, kann intuitiv spüren, dass Wirklichkeit nicht aus Dingen besteht, sondern aus Verhältnissen.


Offene Fragen, die offen bleiben dürfen


War der Ungeborene jemals allein? Oder bedeutet Anfangslosigkeit gerade, dass diese Frage ins Leere läuft?


Was ist eine Seele – Substanz, Funktion, Beziehung, Perspektive?Die Schriften geben Hinweise, keine abschließenden Definitionen.


Vielleicht ist die eigentliche Einsicht nicht eine Antwort, sondern die Erkenntnis, wo das Denken an seine Grenze stößt. Und dass genau dort nicht Unsinn beginnt, sondern Staunen.


Haribol. Om Namah Shivaya.

 
 
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